Feiern, wenn nebenan der Krieg tobt?
Erstellt am 14. Mai 2012 von Jens Barthel
Krieg mitten in Deutschland, hier in der Region? Und das in unserer heutigen Zeit?
Man ist versucht, hierüber verständnislos den Kopf zu schütteln. Es ist doch hier alles so schön ruhig! Und wenn wir im Lokalteil der “Volksstimme” blättern, gibt´s doch nur Sonne, Feiern, Jubiläen u.s.w. Viele Orte begehen derzeit ihre soundsovielten Ersten Offiziellen Erwähnungstage, manche mit kleinen Aktionen, manche mit Gigantismus über Wochen. Hauptsache das Volk ist beschäftigt und denkt nicht mehr weiter über anderes nach. Und damit das Nachdenken gar nicht erst eintritt, wird zur Ablenkung noch wochenlang über die Festivitäten berichtet.
Ganz im Geheimen geschehen aber auch Dinge, die einem Schauer über den Rücken treiben. In ihrer Ausgabe vom 14.05.12 berichtet die “junge Welt” darüber, dass im vergangenen Herbst Bundesverteidigungs- und -finanzministerium für die Colbitz-Letzlinger-Heide ein infrastrukturelles Vorhaben beschlossen haben. Mitten in einer Region, in der sich zahlreiche Anliegerkommunen (u.a. die Gemeinde Barleben) für die touristische Erschließung und Entwicklung einsetzen, wird im August diesen Jahres der Grundstein für eine Stadt gelegt. Mit großen und kleinen Häusern, mit Straßen und Plätzen, mit Kulturzentren, Bäumen und Hecken, einem Industriegebiet und sogar einem U-Bahntunnel. Und es werden sicher auch wieder zahlreiche Vertreter der verschiedensten Ebenen der Politik dabei sein und sich freuen, was hier doch tolles auf sechs Quadratkilometern so alles Neues entsteht.
Ist doch auch eine feine Sache, wenn man in Zeiten der anhaltenden Abwanderung und Perspektivlosigkeit vieler junger Menschen hier 100 Millionen (!) Euro in die Hand nimmt und neue Infrastrukturen schafft. Und was das erst für die vielen Firmen vor Ort bedeuten muss, die ja sicher die Aufträge bekommen werden. Die “Mitteldeutsche Zeitung” schrieb in ihrer Ausgabe vom 10.05.12, dass bis 2016 zunächst 180 Gebäude und mehrere Straßen inklusive eines Stücks Autobahn entstehen werden.
Was bedeutet da schon der kleine Makel, dass diese Stadt nicht zum Bewohnen und Leben gebaut wird, sondern zum Zerstören? Dass hier das Töten und der Häuserkampf geübt werden sollen, um die Bundeswehrsoldaten fit zu machen für weitere Kriegseinsätze in Krisenregionen?
Ach ja, und bauen und betreiben wird das Ganze einer der größten Rüstungskonzerne, Rheinmetall mit Sitz in Düsseldorf. Da wird´s wohl nichts mit dem Verbleiben des Geldes in der Region.
Nun mag man den moralischen Wert dieser “Infrastrukturmaßnahme” sehen, wie man will. Ich möchte daher nur aus kommunaler Sicht sprechen. In Zeiten sich immer weiter verschlechternder Finanzmöglichkeiten vieler Kommunen der Region klingt die beabsichtigte Investition wie ein Hohn. Anstatt etwas gegen Bevölkerungsrückgang und Sterben von Dörfern zu unternehmen, wird mal eben so im Wald eine neue Stadt gebaut. Dort entstehen Kulturzentren als leere Hülle, in der realen (kommunalen) Welt müssen viele dieser Kultureinrichtungen geschlossen werden. Es gibt auch immer noch Gemeinden hier, die noch nicht alle Straßen in ihren Orten saniert haben.
Aber lasst uns ruhig weiter feiern, da muss man nicht über den Unsinn dieser Welt nachdenken. Und wenn es nebenan knallt, sind´s sicher die Sektkorken!
- 1 Kommentar
Wer einen Plan hat, ist nicht nur gedanklich auf ein Ziel fixiert sondern hat einen solchen Plan vielleicht auch zu Papier gebracht. Am besten ist es natürlich, wenn im Idealfall das ideelle Ziel identisch ist mit dem, was zu Papier gebracht wurde. Problematisch kann es werden, wenn das Ziel noch in weiter Ferne liegt und viele unberechenbare Faktoren einen Einfluss nehmen. Da muss man schon einen sehr guten Plan haben, um Realität und eigenen Anspruch zueinander zu bringen. Einen solchen Spagat zwischen Anspruch und Wirklichkeit versucht momentan die Gemeinde Barleben mit der Aufstellung eines neuen Flächennutzungsplanes (FNP).
